Der Wandel

Das Bild zeigt die größte Industrie-Ruine Thüringens in einem Composing aus einer Punktwolke [erzeugt mit einem 3D Laserscanner], einer Digitalphotographie vom 13. März 2020 und einer Fotografie von 1950. Kummulierte Zeit in einem Bild.

… hat das Gebäude quasi inhaliert, gescannt und vermessen, von oben bis unten, von hinten und vorne.
Jensen Zlotowicz in der Thüringer Allgemeine vom 28. März 2020

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnen sich massive Strukturveränderungen in den industriellen Gesellschaften samt ihres kapitalistischen Wirtschaftssystems ab. Endgültig scheint dabei auch der Individualverkehr mit seinem bisherigen Fundament des Autos mit Verbrennungsmotos historisch an sein Ende zu kommen. Trat mit der politischen Wende 1989/90 und der deutschdeutschen Vereinigung bereits ein rapide Veränderung in der Autoindustrie der DDR ein, bei der westliche Konzerne zwar Teile der Produktionsstätten übernahmen, um darin aber nur noch die eigenen Modelle bauen zu lassen. Nach und nach verschwanden mit diesen Übernahmen aber die alten Gebäudekomplexe, die für eine kapitalistische Produktionsweise nicht geeignet waren.
Auch in Eisenach baute Opel ein neues Produktionszentrum am Rande der Stadt, das alte Produktionsgelänge im Osten wurde weitgehend abgerissen. Ausnahme blieb das Gebäude des heutigen Museums »Automobilwelt Eisenach« sowie das nebenstehende Gebäude mit der Bezeichnung O1.
Solche gesellschaftlichen Wandlungsprozesse vollziehen sich ununterbrochen irgendwo, nicht immer erhalten sie so viel Aufmerksamkeit wie bei der Automobilindustrie, die jahrzehntelang als Konjunkturmotor betrachtet wurde, da an ihr enorm viele Arbeitsplätze hingen und hängen.
Das O1 zeugt von diesem Prozess in mehrfacher Hinsicht: Es steht noch immer für die Anfänge der Autoproduktion in Eisenach, aber auch für die ehemalige DDR-Autoindustrie, die nach 1945 zunächst noch sehr erfolgreich gewesen war, aber mit der Ausweitung des kapitalistischen Wirtschaftssystems auch in Osteuropa nicht mehr leistungsfähig war. Das Gebäude verweist zudem auf den Umzug unter der Ägide von Opel raus aus der Stadt. Schließlich verweist es aber auch auf den Bedeutungsverlust des Individualverkehrs mit verbrennungsgetriebenem Auto, wie er unter Nachhaltigkeitsbedingungen und unter der Rohstoffknappheit auf der Erde unumgänglich wird.
Dieser Entwicklung gilt es, sich zu stellen.
Wenn die Grundkonstruktion des Gebäudes stehen bleibt und die alten Außenmauern die Fassade bleiben, dann ist daran noch lange Zeit ein Wandlungsprozess abzulesen, der zwar für viele einen schmerzhaften Bruch und auch echte Härten bedeutet hat, der aber eben Entwicklung aufzeigt. Aus Industrie wird berufliche Bildung, wird Sport, wird Begegnung. Das Erhaltene verweist auf seine Geschichte und vollzieht doch eine gravierende Entwicklung, und zwar eine, die sowohl eine geamtgesellschaftliche als auch eine städtische sein wird.
Es handelt sich um einen historischen Prozess, der die Entwicklung menschlicher Gesellschaft und Kultur in der Zeit zeigt.
Uwe Britten, 02.12.2019

Ein Bericht in der Thüringer Allgemeine zum ersten Arbeitsaufenthalt in Eisenach: ·Künstler arbeiten Wandel der Zeit im Eisenacher O1 auf·